Entscheidung in den Bayous

Auszug aus dem ersten Kapitel

 

Chihuahua, Mexiko, Sommer 1996
Während María am Tresen wartete, um eine neue Bestellung
von Ramón entgegenzunehmen, spürte sie plötzlich eine Hand
auf ihrer Schulter. Sie fuhr herum. »Mein Gott, Paulo, hast du
mich erschreckt!«
»War nicht meine Absicht, schöne Frau!« Durch Paulos breites
Grinsen wurde die riesige Lücke zwischen seinen Schneidezähnen
sichtbar.
Paulo kam regelmäßig ins El Paraíso. Er saß immer am Tresen,
nie an einem der Tische. Paulo war Mitte sechzig, dürr wie ein
Laternenpfahl, und die wenigen, silbergrauen Haare hatten sich
wie ein Lorbeerkranz um seinen Kopf gelegt. Er lebte nicht
schlecht von seiner Pferdezucht und außerdem veranstaltete er
jeden Sonntag ein Charreada  an dem er auch hin und wieder
selbst teilnahm.Wer ihn am Tresen sitzen sah, konnte sich kaum
vorstellen, dass er mit weißem Rüschenhemd, enger, mit Silberknöpfen
besetzter Hose und breit gekremptem Sombrero durchdie Arena ritt.
»Wie geht’s, María?«
Sie wies mit einer kurzen Kopfbewegung in Hernández’ Richtung.
»Einige meinen, sie könnten sich alles erlauben, nur weil
sie die Taschen voller Geld haben!«
Er rieb sich das Kinn. »An deiner Stelle wäre ich trotzdem ein
wenig freundlicher zu ihm. Der Typ ist im Moment verdammt
schlecht drauf!«
»Woher kennst du ihn?«
»Ich glaube, es gibt keine Charreada im ganzen Land, an der er
nicht schon teilgenommen hat! Er besitzt die besten Pferde, außer
mir natürlich, hat die größte Klappe und die Frauen, die ihn
begleiten, tragen die elegantesten Kostüme, aber gewonnen hat
er noch nie! Ein Angeber, wie er im Buche steht!«
María schob Paulo sein Bier entgegen. »Du sagtest, dass er
schlecht drauf ist. Was hast du damit gemeint?« Paulo runzelte
die Stirn.
»Letzte Woche hat man zwei von seinen besten Pferden auf der
Weide gefunden. Vergiftet! Irgendjemand wollte ihm wohl eins
auswischen!«
»Wer tut so etwas?« fragte María.
Paulo hob die Schultern. »Jemand, der die Hernández-Brüder
hasst! Und davon gibt es genug!«
»Er hat noch einen Bruder?«
»Ja, José. Sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen! Und sie können
beide ziemlich jähzornig werden. Nimm dich in Acht!«
María stieß einen verächtlichen Laut aus. »A mí, no me importa!«
»María, mit den Kerlen ist nicht zu spaßen!« Er trank sein Bier
aus. »Es wird Zeit, dass ich mich auf den Heimweg mache.« Er
steckte María ein paar Geldscheine in die Schürze. »Der Rest ist
für die schöne Señora!« sagte er.
»Muchas gracias, Paulo.«
Als Paulo gegangen war, lehnte sich Ramón über den Tresen.
»Ich störe dich nur ungern, aber die Gäste warten.«
María sah zu den Drinks, die Ramón vor ihr aufgereiht hatte
und überflog die Zettel, auf denen die Tischnummern standen.
Als sie den Cuba Libre für Hernández entdeckte, zuckte sie zusammen.
»Ramón?«
»?« Sie schob ihm stumm den Cuba Libre entgegen. Ramón
nickte zögernd. »Okay, ich bringe ihm den Drink!«
»Danke, Ramón.« Im Spiegel hinter dem Tresen beobachtete
María, wie Ramón zu Hernández an den Tisch ging. Sie sah,
wie der Mann sich nach vorn beugte, ein paarWorte mit Ramón
wechselte und sich dann wieder zurücklehnte.
»Was hat er gesagt?« fragte María.
»Nichts«, sagte Ramón. »Er hat sich bedankt. Mehr nicht!«
Als María einige Minuten später einen Blick in den Spiegel warf,
sah sie, wie sich Hernández langsam erhob, sein Sakko locker
über die Schultern legte und das Lokal verließ.
»¡Vete al diablo!« stieß sie so leise hervor, ohne das es jemand
hören konnte. Ja, wenn es nach ihr ginge, könnte er sich zum Teufel scheren!
***
Es war kurz nach Mitternacht, als sich María auf den Heimweg
machte. Sie ging zügig durch die enge Seitengasse, die das Zentrum
mit dem äußeren Bezirk verband. Ein streunender Hund
strich um ihre Beine. Er war bis auf die Knochen abgemagert.
Am Wegrand stand ein Autowrack. Es war ausgebrannt und bis
zum Dach mit Müll voll gestopft.
Wie in unzähligen Nächten zuvor, musste sie wieder an ihre
Freundin aus Kindertagen denken. Conchitas Eltern waren Vagabunden,
die durchs Land zogen, auf der Suche nach einem
Platz. Sie hatten ihn am Rande des Dorfes gefunden, und bauten
eine Hütte, um endlich sesshaft zu werden. Die Dorfbewohner
mieden sie, und so traute sich María am Anfang nicht, Conchita
anzusprechen. Schließlich fanden sie doch zueinander und
verbrachten von da an jede freie Minute gemeinsam.
Als Conchita ihr vor zwei Jahren freudestrahlend erzählte, dass
sie Arbeit in einer der Maquiladoras in Ciudad Juárez bekommen
habe, wäre María ihr am liebsten gefolgt. Obwohl ihre Eltern sie
und ihre zwei Brüder stets vor der Ausbeutung in diesen Exportfirmen
gewarnt haben, hätte María sich am liebsten ihren Worten
widersetzt. Wenn es ihrem Vater nur ein wenig besser gegangen
wäre. Aber nach seinem Schlaganfall, fand er nur mühsam ins Leben
zurück. Deshalb brachte esMaría nicht übers Herz, Conchita
nach Ciudad Juárez zu folgen. Weil sie sich dann nur noch selten
sahen, schrieben sie sich und telefonierten, so oft es ging. Doch
von einem Tag auf den anderen war der Kontakt abgebrochen.
Kurz vor Conchitas Verschwinden sahen sie sich ein letztes Mal.
Nie würde María das Gesicht ihrer Freundin vergessen. Es war
hohlwangig und bleich. Sie erzählte von der Gewalt der Männer
und den katastrophalen Verhältnissen, unter denen die Arbeiterinnen
in den Fabriken litten. María fl ehte sie an, nicht mehr
dorthin zurückzugehen, doch Conchita sagte nur: »Vor den Fabriktoren
warten Dutzende von Frauen, die um Arbeit betteln!
Sie würden alles tun, um meinen Platz am Fließband zu bekommen.
« Conchita senkte den Blick zu Boden und flüsterte:
»No hay al, que por bien no venga!«
»Es gibt kein Übel ohne eine positive Seite«
María war den Tränen nahe. Das hatte auch ihr Vater gesagt, als
er nach dem Schlaganfall wieder ins Leben zurückfand. Doch
im Gegensatz zu ihrem Vater vergaß Conchita zu kämpfen. Sie
ließ alles mit sich geschehen, ohne sich zu wehren. Nur einmal
gestand Conchita ihre Angst, weil sie immer als eine der
letzten spät abends aus dem Bus steigen musste, da ihr Zimmer
außerhalb der Stadt lag. Sie versprach María, sich so schnell
wie möglich eine Wohnung in der Nähe der Fabrik zu suchen.
»Möge Gott dich schützen, María«, hatte sie zum Abschied gesagt,
dann verschwand sie - für immer.
María biss sich auf die Unterlippe, bis sie schmerzte. Conchita
hatte ihr einmal am Telefon erzählt, dass viele in den Slums außerhalb
der Stadt lebten und mit rot-weißen Bussen zu den Fabriken
gebracht wurden, um für nicht einmal vier Dollar die Stunde
an den Fließbändern zu stehen. Niemand scherte sich darum,
wenn eine Arbeiterin nicht zum Dienst erschien. Die Opfer waren
meistens junge Mädchen und Frauen mit großen, braunen
Augen und langen Haaren. Und Conchita entsprach, wie María,
genau diesem Typ. Suchtrupps, die vorwiegend aus Angehörigen
und Freunden bestanden, streiften durch die Gegend, bis sie
schließlich die in der Wüste verscharrte Leiche fanden.
Ein Zeitungsartikel, der es wagte, die schlampigen Ermittlungen
der Polizei anzuprangern, endete mit einem Vers von José Alfredo
Jiménez und seit jenem Tag gingen María diese Zeilen nicht
mehr aus dem Sinn:
Nichts wert ist das Leben
das Leben ist nichts wert
es fängt immer weinend an
und weinend endet es
deshalb ist auf dieser Welt
das Leben nichts wert
***
Die Gasse mündete in einen menschenleeren Platz. María ging
schnell über den sandigen, von Kieselsteinen durchsetzten, Boden.
Die Miethäuser auf der gegenüberliegenden Seite sahen im
fahlen Mondlicht wie viereckige, aneinander gereihte Container
aus. Davor standen vereinzelt Steinbänke, manchmal überwuchert
von Büschen und kargen Rosensträuchern. In diesen Teil
der Stadt verirrten sich nur wenige. Nicht einmal ein Viertel der
Wohnungen war bewohnt. Bis auf das Zentrum, in dem eine
trügerische Heiterkeit herrschte, war es ein seelenloser Ort, in
dem sich niemand um den anderen kümmerte.
Plötzlich tauchte eine schwarze Gestalt wie aus dem Nichts vor
ihr auf. María erstarrte. Sie spürte eine kräftige Hand auf ihrem
Mund, die sie, den anderen Arm um ihren Hals gepresst, in das
Dornengestrüpp zerrte. Für einen kurzen Augenblick, spiegelte
sich Hernández’ Siegelring im Mondlicht. Er warf sie mit einem
Ruck zu Boden. Dornen bohrten sich wie Nadeln in ihre
Haut. María wagte nicht zu atmen. An seinen Schläfen quollen
dicke Adern gegen die Haut. Er schwitzte, sein Gesicht war eine
feucht glänzende Grimasse.
Als er sich keuchend auf ihren Körper presste, schlug ihr der
Geruch seines Atems ins Gesicht. In ihrer Benommenheit
nahm sie kaum noch etwas wahr. Es war ein Alptraum, der im
Zeitraffer an ihr vorüber zog. Erst als er von ihr abließ, loderte
Wut in ihr auf. Sie spürte, wie der Druck seines Körpers von
ihr wich. Für Sekunden lag sie reglos da, dann sprang sie wie
von Sinnen auf und trommelte mit den Fäusten auf ihn ein. Er
lachte. Je mehr sie auf ihn einschlug, desto lauter wurde sein Lachen.
Er wich einen Schritt zurück, dann noch einen.
Hernández versuchte, Marías Arme zu packen, doch es gelang
ihm nicht. Wie von Sinnen krallte sie die Finger in sein Haar,
zerrte und riss an ihnen, bis Hernández vor Schmerz einen
Schrei ausstieß. Er ließ von ihr ab und torkelte rückwärts, stolperte
über eine Wurzel, taumelte, ruderte mit den Armen und
stürzte zu Boden. María vernahm einen dumpfen Aufprall, dann
fiel sein Kopf zur Seite. Sie starrte auf seinen bewegungslosen
Körper. Als sie sich zu ihm hinabbeugte, entdeckte sie das dunkelrote
Blut auf dem Stein.

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